Kiepenheuer & Witsch

Die Gründungsversammlung des Verlages fand am 27. November 1948 vor dem Hagener Notar Walter Meyer statt. Gustav Kiepenheuer war erkrankt und ließ sich notariell vertreten. Die Anteile am Stammkapital in Höhe von 100.000 DM teilten die Gründer folgendermaßen auf: Gustav Kiepenheuer hielt 40 Prozent, Joseph C. Witsch 30 Prozent. Weitere Gesellschafter mit je 10 Prozent waren Witschs Freund Fritz Breuer, der Hagener Unternehmer Adalbert Borgers und der britische Offizier und örtliche Befehlshaber der Britischen Militärregierung F. Peter Alexander. Nach dem Tode von Kiepenheuer im Jahr 1949 vollzogen die Anteilseigner eine Trennung vom Weimarer Gustav-Kiepenheuer-Verlag. Die Anteile der Jenaer Neugründung übernahm Witsch. Nach wechselnden Geschäftssitzen erwarb der Verlag 1953 in Köln-Marienburg ein eigenes Verlagshaus. 1956 kam es zur Angliederung eines Theaterverlages, der in Berlin unter dem Namen Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb firmiert. 

Witschs erste verlegerische Leistung war die Neuauflage der Werke Joseph Roths, begonnen 1949 mit dessen letztem Roman, Die Legende vom heiligen Trinker, und (vorläufig) abgeschlossen 1956 mit der von Hermann Kesten herausgegebenen Werkausgabe. Der Roman Marion von Vicki Baum wurde 1951 als erstes Buch bei »Kiepenheuer & Witsch« veröffentlicht. 

Annemarie Selinko erzielte kurz darauf mit dem Roman Désirée den ersten großen Verkaufserfolg und ist neben Wolfgang Leonhard mit Die Revolution entlässt ihre Kinder (1955) ein Klassiker aus der Frühgeschichte des Verlages. Heinrich Böll wurde mit Und sagte kein einziges Wort 1953 Autor des Verlags und 1972 dessen erster Nobelpreisträger, dem noch weitere folgen sollten: Saul Bellow, Czesław Miłosz, Patrick White, Gabriel García Márquez, Dario Fo und Jean-Marie Gustave Le Clézio. 

In den 1960er Jahren verschaffte sich der Verlag mit einem ehrgeizigen Lyrik-Programm, dem vom Lektor Dieter Wellershoff – selber sowohl wissenschaftlich wie literarisch tätig – proklamierten Neuen Realismus und mit Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Günter Herburger Anerkennung als ein führender Verlag für deutsche Gegenwartsliteratur. Nun wurden auch die ersten Sachbücher veröffentlicht, zunächst in der Reihe Neue Wissenschaftliche Bibliothek, später verstärkt durch die Studien-Bibliothek. 

Nach dem Tode von Joseph C. Witsch im Jahr 1967 übernahm Reinhold Neven DuMont die verlegerische Leitung. Am 19. April 1969 wurde Neven DuMont der Inhaber des Verlages Kiepenheuer & Witsch, der den Namen und das Programm beibehielt. Fast alle Autoren konnten gehalten werden, und neue Autoren kamen im Zuge der 68er-Bewegung hinzu, z. B. Wilhelm Reich, Ronald D. Laing und Charles Bukowski. Für die neue sozialkritische Literatur (zu Themen wie antiautoritäre Erziehung, Leben in Kommunen, soziale Randgruppen) wurde die Reihe pocket gegründet. Mit den ersten Büchern von Günter Wallraff und mehreren Schwarzbüchern sowie Bölls Bild – Bonn – Boenisch legte sich der „kleine“ Verlag mit den „Goliaths“ des bundesdeutschen Establishments an, wie dem Springer-Imperium oder der CSU unter Franz Josef Strauß. 

In den 1980er Jahren wurde zum einen die Taschenbuchreihe KiWi lanciert (1982), zum andern die kulturelle Aufbruchsstimmung in West und Ost eingefangen, nicht zuletzt mit der neuen Reihe Kunst heute, welche die Ideen von Joseph Beuys, Georg Baselitz und weiteren Künstlern zu verbreiten half. Im Herbst 1989 sah sich der Verlag in Person seines Verlegers, Neven DuMont, Beschuldigungen der Feigheit ausgesetzt, da er sich aus Angst vor Übergriffen weigerte, Salman Rushdies Roman, "Die Satanischen Verse", zu veröffentlichen, dessen deutsche Rechte er im Sommer 1988 erworben hatte.[4] 

 Nach der Wende von 1989 konzentrierte sich der Verlag darauf, seine Hausautoren (neben Böll, Roth, Wellershoff und García Márquez etwa Peter Härtling, Uwe Timm, Nathalie Sarraute, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Don DeLillo) mit neuen Werkausgaben zu pflegen, sein Profil durch kritischere Auswahl zu verschärfen und dennoch „am Puls der Zeit“ zu bleiben: in allen Bereichen gute neue Autoren zu verpflichten. 

Der Verlag brachte jährlich etwa 80 Bücher heraus und beschäftigte circa 25 Mitarbeiter. 

Seit 2002 gehört Kiepenheuer & Witsch über die Georg von Holtzbrinck GmbH & Co. KG, Stuttgart, zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Verleger ist seit dem Jahr 2000 Helge Malchow. Das Archiv des Verlages wurde dem Städtischen Archiv Köln übergeben; beim Einsturz des Stadtarchivs 2009 gingen die Bestände überwiegend verloren bzw. wurden erheblich beschädigt. 

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Buchcover von Die Tyrannei des Schmetterlings
Frank Schätzing
Die Tyrannei des Schmetterlings